Ursula Waser wurde über Jahre hinweg missbraucht und vergewaltigt. Heute kämpft sie für Gerechtigkeit und Antworten, die rund 600 jenischen Kindern noch fehlen.
z.V.g.
1/1 Ursula Waser wurde über Jahre hinweg missbraucht und vergewaltigt. Heute kämpft sie für Gerechtigkeit und Antworten, die rund 600 jenischen Kindern noch fehlen. z.V.g.
04.02.2019 13:25

«Menschen verdienen Antworten!»

Uschi Waser lernte es, Zorn zu nutzen. Als Frau jenischer Abstammung kämpft sie seit Jahrzehnten für die Aufarbeitung der Verbrechen gegenüber Jenischen in der Schweiz. Am 15. Februar spricht sie in Zofingen.

Zofingen «Wir ‹Kinder der Landstrasse› erwarten von unserem Heimatland keine Strasse, die nach uns benannt wird, keine Gedenktafel für bereits verstorbene Opfer und kein Museum, das unsere zerstörte Kultur wiederbelebt», schreibt Ursula «Uschi» Waser. Was sie will, ist Gerechtigkeit. Als jenische Frau schaut sie auf eine schlimme Vergangenheit zurück. Sie kommt am 15. Februar in die Palaveria und bringt ihre Geschichte mit.

Mädchen ohne Rechte

Ursula Waser wurde 1952 geboren. 1989 erfuhr sie ihre Geschichte. Sie war das uneheliche Kind einer jenischen Händlerin. Sie stand somit unter der Vormundschaft der Pro Juventute. Bis sie 14 Jahre alt war, wurde sie bereits in 27 Kinderheimen untergebracht. Sie wurde über Jahre hinweg missbraucht und vergewaltigt. Interessiert hat das niemanden. Gewusst hätten es alle, sagt sie aus tiefster Überzeugung. «Jeder Lehrer, jeder Doktor, die Gemeinden und auch die Pro Juventute wussten von den Missständen, mit welchen Kinder aus jenischer Herkunft konfrontiert waren. Doch es handelte niemand.» Sie weiss das, weil der Bundesrat auf öffentlichen Druck hin den betroffenen Jenischen Zugang zu den Pro Juventute Akten gewährte. Die Akten waren eine Dokumentensammlung, die ihr Leben für immer veränderte. «Seit ich diese Akten las, unterscheide ich zwischen zwei Versionen von mir. Eine unbeschwerte, lebensfreudige, die die Akten nicht kannte, und der jetzigen Uschi.»

3’500 Seiten des Schmerzes

So, wie andere ihr Leben in Fotoalben dokumentiert haben, sind es bei Ursula Waser die Akten. Auf 3'500 Pro Juventute-, Psychiatrie- und Gerichtsakten las sie ihr Leben. «Ich fiel in tiefste Ratlosigkeit. Als ich vier Jahre alt war, wurde ich als ‹sexuell gefährdet› eingestuft. Ich hätte einen starken Charakter und spiele zu gerne mit Buben, steht darin.» Das war nur eine Notiz. Von derselben Sorte existieren hunderte. Was sie aber am meisten erschütterte, waren nicht die ständigen Missbräuche oder die Verurteilungen aufgrund ihrer Herkunft. Es war die Tatsache, dass auf keinem der rund 3'500 Dokumente hinterfragt wurde, wie es Ursula ging. «Niemand interessierte es, wie es uns Jenischen ging. Alle waren froh, dass wir ‹versorgt› waren", erzählt sie zornig. Der Zorn und das Verlangen nach Gerechtigkeit sei es, was sie immer weiterkämpfen liesse. Sie kam irgendwann an den Punkt, wo sie sich entscheiden musste: Beendet sie ihr Leben oder kämpft sie für sich und rund 600 weitere jenische Kinder? «Ich entschied mich für den Kampf.»

Mit Bundesrat auf Augenhöhe

Ursula Waser wurde als Kämpferin für die Jenischen vom Bundesrat an den runden Tisch eingeladen. Sie erhoffte sich vieles, doch erfuhr auch grosse Enttäuschungen. Die Politik sei zwar reumütig gewesen und sie fühlte sich stets auf Augenhöhe angesprochen, doch nur mit Reue könne man keine Gerechtigkeit schaffen: «Bundesrat Cotti war der erste Bundesrat, mit dem ich sprach.» Er und die gesamte Politik zeigten sich erschüttert. Als Wiedergutmachung wurde den Opfern einen finanziellen Beitrag ausgezahlt. Für Ursula Waser Hohn: «Somit hat man die Jenischen vollends zu den Bettlern der Nation degradiert.» Und geholfen sei niemandem gewesen. Ihrer Ansicht nach - und mit dieser stösst sie vielerorts sauer auf - hätte man damals das Geld besser in eine Aufstockung der AHV investiert oder damit kommende Krankenkassenprämien bezahlt. «Mir war bewusst, dass jeder mit seinem Geld anstellen möchte, was er will. Aber das ist Fluch und Segen zugleich.»

Fokus auf der Justiz

Auch nach jahrelangem Engagement bleibt Ursula Waser eine unermüdliche Kämpferin. Einen besonderen Fokus legt sie jetzt auf die Justiz. Die meisten administrativ versorgten Menschen wurden, wie sie selbst auch, sexuell missbraucht. In vielen Fällen wurden zwar Verfahren eingeleitet, doch sei der Ausgang der Verfahren nie richtig untersucht worden. «Ich bin überzeugt, dass viele Gerichte zum Nachteil der Opfer versagten.» Es gelte nicht nur das Verhalten der zivilen Behörden im Fürsorgewesen abzuklären, sondern auch die damalige Strafjustiz unter die Lupe zu nehmen. «Die Menschen verdienen Antworten! Punktuelle Einzelarbeiten genügen nicht, um die Verbrechen der Vergangenheit aufzuklären.»

Am 15. Februar kommt sie in die Pavaleria in Zofingen. Dort will sie ihre Geschichte dezidierter darstellen und die Besucher zum Dialog ermutigen. Anmeldung unter: kontakt@palaveria.ch oder direkt im Atelier Nicola Buschbaum, Rathausgasse 12, Zofingen.