Joggeliumzug in Lenzburg.
1/1 Joggeliumzug in Lenzburg.
12.10.2018 00:00

«Wir sind keine Spukgestalten»

Am Freitag, 26. Oktober, ist es wieder soweit: Der altbräuchliche Joggeliumzug findet als Abschluss des Schützenjahres beim Absenden statt. Jeweils Ende Oktober ziehen die Schützen gemeinsam nach altem Brauchtum in weissen Gewändern vermummt und mit schwenkender Laterne und synchronem Schritt durch die nächtliche Lenzburger Altstadt.

Lenzburg Das sommerliche Schützensemester begann mit der traditionellen Waffenmusterung am 1. Mai und endet am Festtag des Bruderschaftspatrons am 31. Oktober, dem Vorabend von Allerheiligen, mit einem «Chrüzgang» (Prozession). Dieser führt neben dem Stammlokal durchs südliche Stadttor, westwärts über den «Mülistäg» – so sagt das Joggelilied – und empor zum St. Wolfgangsaltar auf dem Staufberg. Dort kam das alte Brauchtum zustande. Am Freitag, 26. Oktober schlag Mitternacht, ziehen die Schützen nach ihrem Absenden der langjährigen Tradition entsprechend als weisse, wankende Gestalten durch die Altstadt. «Ich fühle mich der Wahrung von Brauchtum und Tradition als Lenzburgerin sehr verpflichtet», so die Präsidentin der Schützengesellschaft Lenzburg Madeleine C. Baumann.

Hans Joggeli, stell de Chrüzgang a

Um sich brüderlich zu ähneln, vermummt man sich, wie es in Bruderschaftsprozessionen und am Joggeliumzug noch heute üblich ist.

In weisse Bettlacken gehüllt und mit einer geknoteten Serviette auf dem Kopf bewegen sich die Schützen zum Schellenklang im Beistellschritt und eigenartigen Rhythmus durch die verdunkelte Rathausgasse.

«Der Joggeli-Umzug hat nichts mit Geistern, Halloween oder sonstigen Kreaturen zu tun», sagt Präsidentin Madeleine C. Baumann.

Die öffentliche Beleuchtung ist während dem rund 45 minütigen Umzug ausgeschaltet. Erkennbar ist nur noch der helle Schein der Laterne an der Spitze des Laternenmannes. Gefolgt vom Fähnrich mit dem Fetzen an der langen Stange folgen die Schützen in Dreier-Reihen, unterstützt von drei Schellenbuben und Vorsängern im gleichen Takt mit der Fahne. Diffuse Schatten ziehen an den Häusern vorbei und dumpf und melancholisch begleitend hallt das gesungene Hudihudiha des Umzugslieds «Hans Joggeli, stell de Chrüzgang a» durch die nebelfeuchte Dunkelheit. Das Joggeln wird in Wörterbüchern allenthalben als Narrentreiben bezeugt und wurde etwa in Aarau und Zofingen von eigens dazu bezeichneten Narrenbruderschaften praktiziert. Verulken die «Joggel» oder «Gäuggel» sogar kirchliche Zeremonien, so provozierten sie zwar wiederholt Proteste höchster kirchlicher Autoritäten, doch mussten sich diese in allen Ländern mit dem närrischen Brauchtum ebenso abfinden. Der Joggeli Umzug ist ein eindrückliches Schauspiel zu nächtlicher Stunde, das man sich nicht entgehen lassen sollte. Das ist der Joggeli-Umzug - ein schweizweit einzigartiges Erlebnis - das auf die mittelalterliche St. Wolfgangs-Bruderschaft zurückgeht.

Chantal Bigler