Vincent Kocher und Susanne Scheibler sind Bienenzüchter. Der sehr heisse Sommer habe vielen Völkern geschadet, andere seien aber gut durch die Hitze gekommen, so die Beiden.
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1/1 Vincent Kocher und Susanne Scheibler sind Bienenzüchter. Der sehr heisse Sommer habe vielen Völkern geschadet, andere seien aber gut durch die Hitze gekommen, so die Beiden. rfb
01.10.2018 09:05

«Den Bienen geht es gut, aber sie sind auf uns angewiesen»

Oft hört man, den Bienen gehe es gut. Ein Bienensterben in der Schweiz sei nicht möglich. Fakt aber ist: Ohne Hilfe hiesiger Imker und Bienenzüchter wäre die Biene akut vom Aussterben bedroht. Susanne Scheibler und Vincent Kocher sind Imker aus der Region. Sie berichten von einem speziellen Bienenjahr.

Region «Den domestizierten Bienen geht es gut. Sie werden von Imkern gepflegt. Um die Wildbienen und andere Insekten muss man sich mehr Sorgen machen», erklärt Susanne Scheibler. Sie ist seit fünf Jahren Imkerin und präsidiert den Wiggertaler Bienenzüchter Verein. Der Sommer 2018 war eine spezielle Saison für die Bienen. Die langanhaltende Kälte wurde von einer prompten Hitzewelle abgelöst, was zur Folge hatte, dass viele Bienenvölker sich einen unnatürlichen Fortpflanzungsrhythmus aneigneten. «Viele Bienen traten erst aus dem Larvenstatus, nachdem die Blütenzeit vieler Pflanzen schon vorbei war», erklärt Vincent Kocher. Das, weil sich die Bienenköniginnen wegen der langen Kälte zu spät paarten. Kocher ist ebenfalls Imker und Vizepräsident des Vereins. «Die Wiggertaler Bienen sind gesund, dennoch sind sie auf die Hilfe von uns angewiesen», so die Meinung der beiden.

Die anhaltende Hitze und das trockene Klima ohne Regen störte den Nektarfluss bei den Pflanzen. Die Honigmengen unterscheiden sich aber von Bienenvolk zu Bienenvolk. Je nach Standort, Nähe zum Wasser und Schattengelegenheit ergeben sich andere Ergebnisse.

Um eine Prognose anzustellen, wie viel Honig aber produziert wurde, sei es noch zu früh, meint Kocher. Auf die Frage, wie denn der Bienenzüchter einem schwächelnden Volk helfen könne, müssen die beiden aber eine ernüchternde Antwort geben: «Beispielsweise mit einer Varroa-Notbehandlung und anschliessendem Auffüttern. Die Bienen werden gegen die Varroamilbe mit Ameisen- oder Oxalsäure behandelt. Während und nach dieser Behandlung darf kein Honig aus dem Volk geerntet werden. Trotzdem gibt es keine Garantie, dass sie den Winter überleben», erklären sie. Ob man auf diese Behandlung zurückgreift, entscheidet das sogenannte «Brutbild». Zeigt dieses ein gesundes Bienenvolk, lohnt sich eine Behandlung. Die Alternative ist es, das Volk der Natur zu überlassen. Das bedeutet, die Bienen abzutöten.

Die Bestäubung ist wichtig, nicht der Honig

Damit ein Bienenvolk einen hochwertigen Honig produziert, sind mehrere Aspekte wichtig. Zum einen sind es die Lebensräume und zum anderen die Artendiversität der Pflanzenwelt. Doch die Bienenzüchter sind nicht nur wegen des Honigs an den Bienen interessiert. Diesen könne man ja auch aus dem Ausland beziehen, meint Kocher. «Viel wichtiger als das Produkt der Biene ist ihre Arbeit», meint er weiter. Die Bestäubung ist für unsere Natur lebensnotwendig und deswegen sei es so wichtig, besonders viel Aufmerksamkeit und Zeit den Bienen zu schenken. Gewissermassen trägt der Honigkonsument eine Mitverantwortung, regionalen Honig zu fördern – nicht primär wegen des Honigs, sondern wegen unserer Natur.

«Bemüht, den Dialog aufrechtzuerhalten»

Nicht nur der Konsument hat eine Verantwortung gegenüber den wichtigen Bestäubern. Auch die Landwirtschaft steht in der Pflicht. War es früher üblich, dass der Bauer auch Imker war, ist es vielen Landwirten heutzutage nicht mehr möglich, die Zeit dafür noch aufzubringen. Es herrscht daher eine spezielle Beziehung zwischen Imkern und Bauern.

Die Obstbäume des Bauern brauchen die Bienen, die Bienen brauchen ein Futterangebot und Artenvielfalt. «Man ist als Imker daher immer bemüht, den Dialog mit den Landwirten aufrechtzuerhalten», erklärt Kocher. Das ist auch wichtig.In den letzten dreissig Jahren ist mehr als die Hälfte aller Insekten verschwunden. Darunter solche, die neben der Biene massgebend am Aufrechterhalt des Ökosystems mitbeteiligt waren. Deswegen lancierten der Schweizer Bauernverband, die Naturfreunde Schweiz, Dark Sky Switzerland und apisuisse eine Petition lanciert, die verlangt, dem Insektensterben auf den Grund zu gehen und die Bevölkerung für den wichtigen Dienst der Insekten zu sensibilisieren. Der Bauer sei nämlich nicht grundsätzlich der Schuldige! In vielen Schrebergärten würden gemäss Scheibler unheimliche Mengen an Giftstoffen verwendet.

Weitere Infos zur Petition unter www.bienensterben.ch

Rinaldo Feusi